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Das Birkenblatt

Das Birkenblattblasen ist in früheren Zeiten eine weit verbreitete Musizier­weise der Schäfer und Hirten gewesen.


Sie wurde von Generation zu Generation weitergegeben, ohne daß es dafür auf­geschriebene Noten gab. Warum gerade Schäfer und Hirten diese Musizierweise pflegten, ist leicht erklärt, wenn wir daran erinnern, daß auch in anderen Berufszweigen Volksinstru­mente entwickelt wurden.
Der Berg­mann rollte sein Hinterleder zusammen und ließ daraus eine „Päpe" entstehen, der Köhler suchte aus seiner Holzkohle besonders hart gebrannte Stücke heraus, reihte sie, aneinander und schuf so ein „Köhlergeläut", und die Hirten schnitzten sich eben ein „Birkenblatt".
Immer waren es Arbeitsgeräte, Gegenstände aus der produktiven Arbeit oder der sie um­gebenden Natur, die Arbeiter zur Herstellung billiger „Musikinstrumente" anregten.

Wer nun aber glaubt, zum Birkenblattblasen genüge es, sich das grüne Blatt einer Birke abzupflücken, es zwischen die beiden Daumen zu spannen und dann kräftig zugeblasen, der wird bald aus Mangel an Erfolg sein Vorhaben aufgeben. Ganz so einfach ist die Sache doch nicht, und der interessierte Leser kann mit Recht exakte Erklärungen und Hinweise zum Umgang mit dem Birkenblatt erwarten.

Birkenrinde darf zur Birkenblatt-Herstellung noch nicht tot seinUnter „Birkenblatt" ist in unserem besonderen Falle, wie bereits angedeutet, nicht das Laubblatt einer Birke zu verstehen. Es handelt sich vielmehr um ein kleines Blättchen, das aus dem Bast unter der Birkenrinde gewonnen wird. Zur Herstel­lung dieses einfachen Musikinstrumentes ist folgendes zu beachten: Aus dem Stamm einer nicht zu alten Birke schneidet man sich möglichst in Mannshöhe ein Stück Birkenrinde heraus. Aus diesem wird ein Rechteck in der Größe 3 x 4 bis 5 X 6 cm herausgeschnitten. Man zieht dann vorsichtig Schicht um Schicht ab, von der weißen Außenseite beginnend, bis man eine dünne und elastische Schicht von etwa 0,2 mm erhält. Unterhalb einer Schmalseite wird nun das Birkenblatt etwa l cm schwach eingeknickt.

Man drückt es mit zwei oder drei Fingern von außen gegen die Lippen, indem man den umgeknickten Rand nach oben und vom Körper wegzeigend hält. Die Unterlippe ruht dicht unterhalb der Einknickung auf dem senkrecht nach unten gerichteten Teil des Birkenblattes, während die Oberlippe auf dem nach vorn etwas umgeknickten Rand des Birkenblattes aufliegt. Der Spieler bläst durch die gespannten Lippen. Die Tonerzeugung erfolgt praktisch durch das Schwingen des angeblasenen Blättchens in Wechselwirkung mit Veränderungen der Mundhöhle, der Lippenöffnung und der Stärke des Luftstroms.

Die Kunst des Birkenblattblasens ist jedoch kein Privileg der Harzer. In Thüringen und entfernteren Gegenden, wie z. B. in den Alpenländern und Südosteuropa, be­dient man sich ähnlicher Techniken.

Sicher wird mancher besorgt fragen, wer denn im Harz das Birkenblatt bläst, gibt es doch kaum noch Hirten, und die Zahl der Schäfer ist zurückgegangen. Wenn es dennoch hin und wieder erklingt, ist das ein Verdienst zahlreicher Volkskünstler, die das Birkenblattblasen als folkloristische Tradition pflegen und verbreiten. Auch wenn sie es dabei aus seiner Funktionsgebundenheit herausgenommen haben und in eine bühnengerechte Fassung gebracht haben, verdient diese Art der Folklore­pflege Anerkennung.

Hans Wilhelm Vogt, Direktor der Musikschule Wernigerode und Leiter der „Harzer Folkloristen", schrieb mehrere Instrumentalstücke für Birkenblatt. Als Beispiel sei der „Fröhliche Kuhaustrieb" hier angegeben. Wem die Einstudierung aber zu schwierig erscheint, der möge zunächst mit „Hänschen klein" beginnen. (So tat ich es auch.)

Also — dann frisch geblasen!